Marscheider Wald, Stadt Wuppertal

Projektbeschreibung

Die Schlingnatter als Leitart einer ökologischen Trassenpflege im Freileitungsnetz

Im bergischen Städtedreieck (Wuppertal, Solingen, Remscheid) kommt die Schlingnatter nur noch im Osten der Stadt Wuppertal vor. Aktuelle Funde (1996-2013) belegen ihren Verbreitungsschwerpunkt im Bereich einer Freileitungstrasse des Netzbetreibers „Amprion GmbH“ durch den Marscheider Wald. Darüber hinaus konnten inzwischen auch Teilpopulationen auf angrenzenden Flächen wie der sanierten ehemaligen Deponie „Zur guten Hoffnung“ (Kippe Kemna) und entlang einer ehemaligen Bahntrasse, die parallel zur Wupper an der Beyenburger Strasse verläuft, in Höhe der Tennisplätze Kemna und in Höhe der Ortslage Laaken nachgewiesen werden.

Dem ehrenamtlichen Naturschutz waren seit Mitte der 1980ger Jahre im Bereich des ehemals regelmäßigen Vorkommens der Schlingnatter am Rande des Marscheider Waldes keine Nachweise mehr gelungen. Das war 1995 der dringende Anlass für die Gründung eines Arbeitskreises zum Schlingnatterschutz in Wuppertal. Die Arbeitsgruppe setzt sich heute zusammen aus Vertretern des ehrenamtlichen und des beruflichen Naturschutzes (BUND, Faunistisch-Floristische Arbeitsgemeinschaft e.V. (FAUFLO), Stadt Wuppertal, LANUV NRW), des Landesbetriebs Wald und Holz NRW und des Energieversorgungsunternehmens Amprion GmbH (ehemals RWE Transportnetz Strom GmbH). Als gemeinsame Aufgabe wurden die Suche nach den „letzten Überlebenden“ der Schlingnatternpopulation im Marscheider Wald sowie eine langfristige und nachhaltige Verbesserung des Lebensraums der Schlingnatter vor allem auf der Freileitungstrasse durch gezielte Pflegemaßnahmen vereinbart.

1996 gelang es, im Rahmen eines damals noch von den Leitungsbetreibern RWE Energie AG und VEW Energie AG gemeinsam beauftragten faunistischen Gutachtens (Henf, 1996), wieder eine Population der Schlingnatter in einem kleinen Teilbereich der Trasse der 220-kV-Freileitung Hattingen-Ronsdorf im Marscheider Wald sicher nachzuweisen. Im Abschlussbericht zu dieser faunistischen Kartierung wurden auch Hinweise zum Biotopmanagement von Reptilienhabitaten im Rahmen der Trassenpflege formuliert. Zusammenfassend dargestellt zielten diese auf den Erhalt einer halboffenen Landschaft und die Entwicklung einer Heidevegetation ab. Es wurde ein mehrjähriges Maßnahmenkonzept im Rahmen einer Biotopmanagement-Planung vorgeschlagen, das seitdem sukzessive umgesetzt und aktualisiert wird.


Reptilienfreundliche Trassenpflege im Team

Grundlage zur Umsetzung der Pflegemaßnahmen ist ein Biotopmanagement-Plan für die Freileitungstrasse, der im Auftrag des Leitungsbetreibers erstellt und fortgeschrieben wird. Die Umsetzung erfolgt unbürokratisch und unter Nutzung der unterschiedlichen Fachkenntnisse sowie der personellen und finanziellen Ressourcen des Arbeitskreises.
Die Arbeitsgruppe trifft sich in der Regel einmal zu Beginn des Jahres, um das Jahresarbeitsprogramm abzustimmen und die Zuständigkeiten in der Umsetzung einzelner Aufgaben zu klären. Die Arbeitsweise ist auf möglichst effizientes Handeln ausgerichtet. Das bedeutet, wenig organisatorischer Aufwand, kurze Informationswege, umsetzungsorientierte Planung, kreative Nutzung von Arbeitsressourcen und Verteilung der finanziellen Lasten auf mehreren Schultern.


Ziele zum Schutz der Schlingnatter

1. Beobachtung der Bestandsentwicklung der Schlingnatter auf den Höhenrücken des Marscheider Waldes und in angrenzenden Habitaten,
2. Dokumentation dieser Entwicklung,
3. Förderung der Lebensraumqualität für Reptilien durch ein kontinuierliches Biotopmanagement auf der Leitungstrasse und
4. Förderung der Vernetzung der rezenten Vorkommen im angrenzenden Umfeld des Marscheider Waldes durch Biotopverbundplanung und –pflegemaßnahmen.


Maßnahmen der verschiedenen Mitglieder der Arbeitsgruppe

• Der Netzbetreiber Amprion lässt im Rahmen der ordnungsgemäßen Trassenpflege Gehölze, die die Leiterseile gefährden könnten, entfernen und räumt den Gehölzschnitt ab, um die derzeit 16 ha große Fläche dauerhaft offen zu halten.
Daraus ergibt sich der positive Nebeneffekt, dass von der Schlingnatter und anderen Reptilien besiedelte Biotope dauerhaft besonnt bleiben, da die beschattenden Gehölze regelmäßig entfernt werden. Der sich auf Teilflächen dominant ausbreitende Adlerfarn stellt eine Beeinträchtigung der Lebensraumqualität für die Schlingnatter dar und muss deshalb kontinuierlich durch Rupfungen und Mahd entfernt werden.
Diese Maßnahmen werden im Rahmen der ökologischen Trassenpflege anteilig von Amprion beauftragt und finanziert.
Zudem wurden Gutachten zur Biotopmanagement-Planung und zum Monitoring beauftragt. Darüber hinaus wurde ein Promotionsvorhaben zur Untersuchung der räumlichen Verbreitung von Schlingnattern mittels Telemetrie auf drei verschiedenen Leitungstrassen in NRW, eine davon ist die im Marscheider Wald, unterstützt.

• Die Zivildienstleistenden der Station "Natur und Umwelt" der Stadt Wuppertal betreuten von Mitte der 90er Jahre während einer Zeitspanne von ca. 15 Jahren die Fläche mit zentraler Bedeutung für die Schlingnatterpopulation durch regelmäßige Arbeitseinsätze, wobei die Adlerfarnmahd einen Schwerpunkt bildetet.

• Die Stadt Wuppertal/ Ressort Umweltschutz ist im Rahmen des behördlichen Artenschutzes für die Projektleitung verantwortlich, initiiert und organisiert die Fortschreibung von Biotopverbund- und Maßnahmenplanung, Biomonitoring (zur Effizienzkontrolle der Maßnahmen) und wenn möglich, Arbeitseinsätze von AB-Maßnahmen verschiedener Träger, durch die Entbuschungs- und Mahdmaßnahmen umgesetzt werden. Darüber hinaus regt sie immer wieder auch Öffentlichkeitsarbeit zu dem Projekt an.

• Im Zuge eines internationalen und eines regionalen Jugend-Work-Camps konnten großflächig Biotoppflegemaßnahmen durchgeführt werden. Die Organisation erfolgte durch die Stadt Wuppertal, die fachliche Betreuung der Jugendlichen erfolgte durch die FAUFLO, den Landesbetrieb Wald und Holz und das Büro für Ökologie (H. Henf) aus Mettmann.

• Der Landesbetrieb Wald und Holz NRW als Flächeneigentümer setzt im Rahmen seiner Flächenbewirtschaftung regelmäßig einzelne Naturschutzmaßnahmen durch eigene Mitarbeitern um. Er hat bis 2013 die ursprünglich noch partielle Nutzung (anfänglich etwas 50%) der Trasse für Weihnachtbaumkulturen ganz aufgegeben und sie als Vorrangfläche für den Artenschutz ausgewiesen.

• Der ehrenamtliche Naturschutz (BUND und FAUFLO (LNU)) engagiert sich im Bereich Kartierungen, Kontrollgänge und Arbeitseinsätze zur Biotopflege. Wenn sich spontan Handlungsbedarf ergibt, können Maßnahmen durch „Feuerwehraktionen“ umgesetzt werden. Anteilig erfolgt auch eine Finanzierung von professionell durchgeführten Mäharbeiten.

• 2013 wurden auch erstmals kleinere Finanzmittel für den Schlingnatterschutz im Marscheider Wald im Rahmen eines Ökosponsorings eingeworben.

• Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) hat seinen Schwerpunkt in der fachlichen Projektbetreuung und der Beratung zu speziellen Artenschutzfragen, der Erarbeitung von Artenschutzprogrammen und der Organisation von Fachtagungen zum Reptilienschutz. Es nutzt dabei die Erkenntnisse aus diesem Schlingnatter-Projekt für Fachanfragen, die auf Landes- und Bundesebene zum Management von Schlingnatterlebensräumen gestellt werden. Darüber hinaus beauftragt es im Rahmen der FFH-Berichtspflicht die Durchführung des FFH-Monitorings für die Art Schlingnatter landesweit.

• Die Schlingnatter ist Leitart für einen Lebensraumkomplex, für den Heidevegetation charakteristisch ist. Deshalb werden über reine Mahd und Entbuschungsaktionen hinaus auch zusätzlich gezielte Strukturanreicherungs- und Abplaggungsmaßnahmen zur Habitatverbesserung umgesetzt. Dazu zählen die Anlage von Schnittholzstapeln und einer großen Natursteinmauer.


Ergebnisse

Leitart dieser ökologischen Trassenpflege ist die Schlingnatter, die repräsentativ für eine Gemeinschaft von Lebewesen (Biozönose) steht, die strukturreiche, trockenwarme Biotopkomplexe bevorzugen.
Das avisierte Ziel, den Erhalt der möglicherweise letzten Schlingnatter-Population im Großraum Wuppertal und insbesondere im Marscheider Wald zu gewährleisten, konnte vollständig erreicht werden.
Darüber hinaus wurden weitere Teilpopulationen auf angrenzenden Flächen nachgewiesen und Maßnahmen zur Vernetzung der Lebensräume getroffen.

Die Öffentlichkeit ist kontinuierlich über die Fortschritte der Maßnahmen unterrichtet worden. Es wurden Fachtagungen und Exkursionen durchgeführt, Publikationen zum Projekt veröffentlicht, Vorträge organisiert und Jugend-Work-Camps veranstaltet.

Erkennbar sind heute positive Auswirkungen auch auf andere Faunengruppen wie z.B. Insekten und Vögel. Am Beispiel der Heuschrecken wurde diese Faunengruppen übergreifende positive Entwicklung bereits durch Zufallsbeobachtungen belegt.

Im Marscheider Wald ist auf 16 ha inzwischen eine strukturreiche Landschaft stellenweise in Form einer Hochheide entstanden, die auch für die Bevölkerung einen ganz besonderen Reiz und Erholungswert hat.

Anfang 2014 ist die Freileitungstrasse der Amprion GmbH in einem artgerecht vorbildlichen Pflegezustand. Auf welche Art und Weise eine Fortsetzung des Projektes für die Schlingnatter in Zukunft möglich sein wird, bleibt allerdings derzeit offen.
Als kritische Größe besteht die Frage nach der weiteren zukünftigen Finanzierung, die notwendige habitatspezifische Maßnahmen ermöglicht.

Projektdetails

Leitungstyp:
Freileitung
Spannung:
220 kV
Eingesetztes Verfahren:
Artenspezifischer Sonderlebensraum
Mahd
Projektstand:
laufend seit Mitte der 90er Jahre
Projektgebiet:
Marscheider Wald, Stadt Wuppertal
Projektträger:
Arbeitskreis Schlingnatterschutz

Kurzportrait

Trassentyp:
220-kV-Freileitung Hattingen-Ronsdorf im Marscheider Wald
Pflegetyp:
kontinuierliche Entbuschungs- und Mahdmaßnahmen, Strukturanreicherungs- und Abplaggungsmaßnahmen
Trassenbetreiber:
Amprion GmbH
Pfleger:
Arbeitskreis Schlingnatterschutz

Kontakt

Untere Landschaftsbehörde Stadt Wuppertal

Ansprechpartner:
Karin Ricono
Anschrift:
Johannes-Rau-Platz 1
42275 Wuppertal
Telefon:
0202 563 6364
E-Mail:
karin.ricono@stadt.wuppertal.de
Ausbreitung der Schlingnatter in Wuppertal © M. Henf

Ausbreitung der Schlingnatter in Wuppertal © M. Henf

Bestandsaufnahme der Leitungstrasse in Wuppertal © M. Henf

Bestandsaufnahme der Leitungstrasse in Wuppertal © M. Henf

Trassenpflege durch die Naturschutzverbände (FAUFLO u. BUND) © M. Henf

Trassenpflege durch die Naturschutzverbände (FAUFLO u. BUND) © M. Henf

Gepflegter Freileitungstrassenabschnitt mit halboffenen Charakter – Schlingnatterhabitat © M. Henf

Gepflegter Freileitungstrassenabschnitt mit halboffenen Charakter – Schlingnatterhabitat © M. Henf

Heidevegetation auf der Leitungstrasse in Wuppertal ist typisch für den Lebensraum der Schlingnatter © D. Alfermann

Heidevegetation auf der Leitungstrasse in Wuppertal ist typisch für den Lebensraum der Schlingnatter © D. Alfermann

Erfolgreich wieder angesiedelt – Die Schlingnatter in Wuppertal © Dr. R. Mönig

Erfolgreich wieder angesiedelt – Die Schlingnatter in Wuppertal © Dr. R. Mönig

Auch der Gutachter Manfred Henf packt mit an © Dr. R. Mönig

Auch der Gutachter Manfred Henf packt mit an © Dr. R. Mönig

Adlerfarn ist ein hartnäckiger Gegner – in der Gemeinschaft fällt ein freiwilliger Arbeitseinsatz leichter © Dr. R. Mönig

Adlerfarn ist ein hartnäckiger Gegner – in der Gemeinschaft fällt ein freiwilliger Arbeitseinsatz leichter © Dr. R. Mönig

Die Schlingnatter nimmt ein Bad in der Sonne  © D. Alfermann

Die Schlingnatter nimmt ein Bad in der Sonne © D. Alfermann

Schnittholzstapel zur Habitatverbesserung der Schlingnatter © D. Alfermann

Schnittholzstapel zur Habitatverbesserung der Schlingnatter © D. Alfermann

Deutscher Verband für Landschaftspflege e.V. (DVL) · Promenade 9 · 91522 Ansbach
Tel.: +49 (0)981-1800-990 · E-Mail: info@lpv.de · Internet: www.lpv.de
vkpornodepfile.com